Pumpen in Musina

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Es will nicht, das den Gedanken formende und befreiende Wort will nicht, keinen Zentimeter vorwärts. Nach über vier Monaten in einer anderen Welt, die ich zu verstehen hergekommen bin, hat sich Sprachlosigkeit breitgemacht. Man könnte meinen, daß das Festhalten von Erkenntnissen in Textform eine ergänzende Übung zum Greifen nach Gelegenheiten zu Einblicken in den Alltag meiner Umgebung ist. Doch es verhält sich eher so, als wolle ich gleichzeitig laufen und stehen. Und eigentlich schwimme ich, wobei der Tauchgang noch bevorsteht. Zwischen Einblick und Erkenntnis liegen ein paar hunderttausend Zentimeter. Irgendwann werde ich wissen, wieviele es waren. Wenn es nur so einfach wäre, wie auf dem Laufband im De Beers Recreation Club, dann wäre, was wozu und wie zu erreichen ist, nicht einfach, aber klar definiert, und der Ventilator nach Belieben immer an.

Der Charme von Improvisiertheit des in die Jahre gekommenen Clubs „in town“, in der weißen Wohn- und Geschäftsgegend Musinas, täuscht darüber hinweg, daß es sich um eine Institution handelt: Es ist die im Ort bislang einzige öffentlich zugängliche Möglichkeit, überdacht und an Geräten Sport zu treiben. Theoretisch kostet ein Monat Eintritt 100 Rand (umgerechnet derzeit rund 5,50 Euro), praktisch kommt und geht man einfach so. Nichts gemein mit den Drehkreuzen, der peniblen Erfassung von Ausweis- und Paßnummern und dem Abphotographieren neuer Mitglieder bei Virgin Active in Pretoria. Der Umzug in ein Nachbargebäude der einem Hangar ähnlichen Sporthalle steht kurz bevor. Das erklärt die humpelnde Hallenchefin, die einmal sehr sportlich gewesen sein muß, jedem Interessierten (tatsächlich fast ausschließlich Männern) jeden Monat neu, während sie von einem Stuhl aus mal grinsend, mal kopfschüttelnd oder auch mit einem leichten Nicken die Bewegungen der unter ihrer Aufsicht Schwitzenden kommentiert. In den Recreation Club kommen nicht nur Angestellte der von De Beers betriebenen, südwestlich der Stadt liegenden Diamantenmine, sondern auch halbstarke Schüler und fünfjährige Judokas ambitionierter Eltern aus den wohlständigeren Teilen der schwarzen Wohngegend, Händler aus Äthiopien oder auch aus Pakistan. Letztere messen sich mit alteingesessenen weißen Messinians im Cricket vor einem kleinen Publikum applaudierender Söhne mit Takke und Freundinnen mit blondiertem Haar. Das in dieser Stadt sonst übliche schroffe Nebeneinander ist hier mehr ein freundliches Gegeneinander. Die Halle ist vielleicht auch deshalb ein bedeutsamer Ort, nach deren erster Erkundung mich ein Wachmann fragt, ob ich jetzt auch Mitglied sei.  Ja!

Mitmachen, Teilnehmen, Teilhaben, Teilen von Erleben am Ort des Geschehens, „im Feld“, danach und dazwischen das Teilen von Erlebtem am Schreibtisch. Das sind die paar hunderttausend Zentimeter, die zwischen Einblick und Erkenntnis liegen, zurückgelegt mit der Einsamkeit eines Langstreckenläufers. Der Widerspruch des einsamen Teilens ist mit dem der teilnehmenden Beobachtung eng verwandt, doch er ist weit mehr als Methode im Feld. Er durchwirkt die gesamte Forschungsperson, die das Dort mit dem Hier vertauscht, das aus dem Ich ein Du macht, damit das kleine Ihr erklärt werden kann, stellvertretend für das große Wir. Ethnographische Gesellschaftsforschung findet in den Räumen zwischen Hier und Dort, Ich und Du, Ihr und Wir statt, entlang der drei perennierenden Mäander der Holschuld, des Mißverständnisses und der Neugier weg von einem nach Übersättigung verwüsteten Feld gewohnter Selbstverständlichkeiten hinein ins Dickicht der Bedeutung der Anderen. Diesen Lauf läuft man selbst und damit allein, er führt über Brücken, die unterwegs selbst gebaut werden müssen, dann über wenige wiedererlangte und ein paar neue Gewißheiten und Zwischenerkenntnisse, aber er hat kein Ende. Die Sprachlosigkeit ist also vielleicht nur Atemlosigkeit, und doch: Nach ein paar Monaten fällt der Ausdruck in der eigenen Sprache bereits seltsam schwer, das Meiste sieht inzwischen entweder zu trivial aus, um in Worte gekleidet zu werden, oder zu wertvoll, zu relevant im persönlichen Erleben, als daß man es für den Dienst am wissenschaftlichen Argument selbstlos freigeben, sich von ihm trennen wollte. Teilen kann auch Trennen heißen – oder schlicht unmöglich sein: Das Erlebte droht auf den immer weiteren Strecken der Umschreibung liegenzubleiben, das Material für Brückenköpfe ist unauffindbar. Teilen, wie geht das? Nur annähernd verbindend und nur mit Verlusten?

Wird De Beers Recreation Club ins neue Gebäude umgezogen sein, bevor die Nancefield Community Gym eröffnet wird? Sie befindet sich nun das dritte Jahr im Bau – vielleicht mit ein Grund, weshalb die Stadtverwaltung im Visier der Hawks steht, der zentralen Ermittlungseinheit der südafrikanischen Polizei gegen Korruption und organisierte Wirtschaftskriminalität. Mit wem werde ich hier das Laufband teilen? Die Gym liegt in der Extension 2, einem Ende der 1990er Jahre neu ausgewiesenen Wohngebiet in Nancefield, dem (ehemaligen) Township Musinas, für das die Alltagssprache wie überall in Südafrika location, die schale, identitätsleerende Verwaltungsbezeichnung der Apartheid, beibehalten hat. Liebevoller und mit Stolz oft auch kasie, als Kurzform des Afrikaansen lokasie. Doch kasie, das sind heute eher Mashongoville und Mmatsale, in dem nicht zuletzt viele der simbabwischen Straßenhändlerinnen und Überlebenskünstler wohnen. Sie begründen den Wohlstand so mancher Hausbesitzer in der gegenüberliegenden Extension 2: Zollangestellte des South African Revenue Service und Beamte der Einwanderungsbehörde, Home Affairs. Nicht nur die fast fertige Villa eines neulich aus der Haft entlassenen (südafrikanischen) Zigarettenschmugglers läßt vermuten, daß die Grenzoffiziellen ganze Arbeit doppelt leisten. Vor allem aber sind es Angestellte der 1993 in Betrieb genommenen und seit etwa zwei Jahren untertage gegangenen Diamantenmine von De Beers, die hier stattliche Häuser errichtet haben. Ein knappes Vierteljahrhundert ist vielleicht genug, um sich nachhaltig zu verschulden und mehr als ein Auto vor der Garage stehen zu haben. Doch nach Venetia, der rund 80 Kilometer entfernten und mitten in der Savanne des Lowveld liegenden, größten Abbaustätte von Diamanten in Südafrika werden die Angestellten und ArbeiterInnen mit den Bussen der Diamond Tours gefahren. In Nancefield, der ursprünglichen location, fahren sie teils dieselben Haltestellen an wie die Pendlerbusse von MTD, des letzten Betreibers der vier Kupferminen Messina, Harper, Campbell und Artonvilla – heute ausfransende Ortsränder – und des bis in die späten 1980er Jahre neben weißen Privathaushalten und umliegenden Farmen mit Abstand wichtigsten „Arbeitgebers“ (Arbeitnehmers) der schwarzen Lokalbevölkerung. Kupfer wurde hier von weißen Unternehmern, die ihrer Stadt den Namen Messina gaben, ab Anfang des 20. Jahrhunderts gewonnen. Archäologische Funde lassen den Schluß zu, daß die „Ethnie“ der Venda bereits ab etwa dem Jahr 1000 nach christlicher Zeitrechnung das aus der Umgebung gewonnene Metall zu verschiedenen Gebrauchs- und Kunstgegenständen verarbeitet hatten. Im Zuge der landesweiten Umbenennung geographischer Namen wurde Messina 2003 zu Musina, „Kupfer“ auf TshiVenda.

Ist Musina, das rund 15 Kilometer vom einzigen offiziellen Grenzübergang zwischen Südafrika und Simbabwe entfernt liegt und seit über zehn Jahren stetig wächst, also ein Ort, der vielmehr vom Bergbau als vom Grenzgeschehen geprägt ist? Oder eine Stadt, der mit Blick auf den voraussichtlich im Jahr 2042 letzten geschürften Diamanten die Transition in einen überregionalen Handels- und Verkehrsknotenpunkt mit entsprechender (Grenz-)Verwaltung gelingt? Wenig geplant und vor allem aufgrund des ökonomischen Zusammenbruchs des Nachbarlandes und der ab Anfang der 2000er Jahre, in großer Zahl dann ab 2007/2008 vor Lebensmittelknappheit, (Hyper-)Inflation und politischer Repression fliehenden SimbabwerInnen? Oder war sie auf eine Art immer schon Beides, Minen- und Grenzstadt? Die Grenze zwischen den zwei Staaten heute ist dieselbe, die 1890 entlang des Limpopo (Vhembe auf TshiVenda) demarkiert wurde zwischen der burischen Zuid-Afrikaansche Republiek im Süden (der späteren britischen Kolonie Transvaal, dann südafrikanischen Provinz Transvaal, ein Teil davon nach 1994 zunächst Northern Transvaal, anschließend Northern Province und seit 2003 Limpopo Province) und den Territorien der British South Africa Company im Norden. Die BSAC war 1889 nach dem Vorbild der British East India Company von Cecil Rhodes – Unternehmer, Rassist, imperialistischer Chefideologe und zeitweise Premierminister der britischen Kap-Kolonie – und des hanseatisch-englischen Finanziers Alfred Beit gestartet worden, die sich mit der Gründung von De Beers das bis heute bestehende Monopol über den Diamantenabbau und –handel im südlichen Afrika zuvor bereits gesichert hatten. Der Kampf um koloniale Vorherrschaft und Souveränität zwischen dem britischen Empire und der Burenrepublik war ein Kampf um Bodenschätze und Arbeitskräfte gleichermaßen. Deren Migrationsbewegungen wurden beidseits der Grenze ab der Jahrhundertwende, und damit lange vor der Militarisierung der Region in den 1970er und 1980er Jahren im Zuge der südlich-afrikanischen Unabhängigkeitskriege, zunehmend staatlich kontrolliert. Diese zwischenstaatliche Konsolidierung der Grenze verhinderte jedoch nicht, daß viele Schwarze, die in der Region lebten, aus dem Süden der heutigen simbabwischen Provinz Matabeleland South und dem Norden des Transvaal blackbirding zum Opfer fielen, also systematisch von privaten Rekruteuren durch falsche Versprechungen oder einen Gewehrlauf auf der Stirn in die Arbeit in den Goldminen des Witwatersrand in Johannesburg und anderswohin gezwungen wurden. Unter anderen Vorzeichen wird diesseits und jenseits, westlich und östlich, auf und unter der 1929 nach Beit benannten Eisenbahnbrücke und ihrer erst 1995 errichteten Betonschwester die Kultur der selektiven Erpressung, Gewaltanwendung und Freiheitsberaubung heute von korrupter Rechtsbeugung ergänzt.

Dakalo* und ich sitzen abends auf der Veranda des Mietshauses, in das er und seine Brüder in der Extension 2 letztes Jahr investiert haben. Als eine der ersten Mieterinnen bin ich hier in eine Ein-Zimmer-Wohnung gezogen. In den 1980er Jahren arbeitete mein Vermieter unter anderem als Küchensoldat an der Grenze. Unser Blick fällt in Richtung town auf die Abraumhalde der alten Messina Copper Mine, die heute von Central African Crushers zur Herstellung von Baumaterial genutzt wird. Dakalo hustet. Die schlechte Luft sei früher immer hierher in die location geweht. Als er noch etwas jünger gewesen sei, sei er die Halde hoch- und runtergelaufen, ganz ohne Fitness-Studio. Die 15 Jahre in der Inventur von Venetia hätten seiner Lunge dann aber den Rest gegeben. Sie wird die Transition nicht schaffen.

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