„Do you need that money, Mam?“

Zäune

Pretoria, ca. 10 Uhr 30 vormittags. Ich gehe allein zu Fuß die Park Street Richtung Stadtzentrum entlang. In einem Amt dort möchte ich den Registrierungsprozeß für das Forschungsauto beginnen; danach bin ich mit einem Kollegen verabredet; dann möchte ich in ein Museum. Ich möchte ein Gefühl für die Stadt bekommen, noch andere Stadtteile kennenlernen. Das geht am besten zu Fuß. Es ist schönes Wetter. Streckenweise bin ich die einzige weiße Fußgängerin.

Zwischen Wessels Street und Celliers Street. Ich bin nicht die einzige weibliche, aber die einzige weiße Fußgängerin. Auf beiden Straßenseiten gehen Leute, nicht viele, aber auch nicht wenige. Es gehen gerade zwei schwarze Mädchen an mir vorbei, als sich rechts hinter mir von der anderen Straßenseite mit langsamen Schritten, aber zielgerichtet ein Mann nähert. Das sehe ich aus dem Augenwinkel.

Ich versuche an dem Gesichtsausdruck der Mädchen, die den Mann anschauen, abzulesen, ob sie in ihm eine Gefahr vermuten, erkenne in ihrer Mimik aber nichts Ängstliches oder Besorgtes; sie unterhalten sich fröhlich. Als sie an mir vorbei sind, läuft der Mann dicht neben mir. Shit, denke ich mir, und bemühe mich, mein Tempo nicht zu beschleunigen, mir keine Angst anmerken zu lassen. Ich muß kurz an eine ähnliche Situation in Johannesburg im November 2013 denken, als ich ebenfalls bei Tag und auf einer belebteren Straße als hier plötzlich zwei Männer an den Fersen hatte. Den einen war ich mit einem Geldschein losgeworden, der andere hatte nicht locker gelassen und war verbal immer zudringlicher geworden. Wie durch ein Wunder kam zum richtigen Zeitpunkt eine meiner ugandischen Bekanntschaften mit seinem Rikshawtaxi um die Ecke gefahren und rief laut meinen Namen. Der Mann ließ schlagartig ab von mir.

Jetzt ist es anders. Ich drehe meinen Kopf zu ihm und schaue zu ihm auf: schwarz, Mütze, langer abgewetzter Daunenmantel. Er lächelt, schaut freundlich.

„Hello Mam. How are you?“
„I’m fine. And you?“
Wir laufen nebeneinander her.
„Fine thanks. I don’t want to fight you. Let’s make it fast.“
Seinen rechten Unterarm hält er leicht angewinkelt in der Manteltasche, seine linke Hand ist draußen.

Mein Puls schlägt höher. Etwas zieht sich in mir zusammen, in meinem Kopf geht das Flutlicht an. Ich habe Angst vor dem Messer, sollte da eins sein; nach all dem, was ich gelesen und gehört habe, weiß ich, ich sollte besser annehmen, da ist eins und mich entsprechend verhalten. Ich will jetzt nichts falsch machen und bin hochkonzentriert. Keine Sekunde denke ich daran, wegzurennen, laut zu schreien oder die anderen Fußgänger auf eine andere Weise um Hilfe zu bitten. Ich gehe davon aus, daß das mit 90%iger Wahrscheinlichkeit nach hinten losgehen würde. Ich denke auch nicht daran, meine paar Selbstverteidigungskenntnisse an ihm anzuwenden – vor der Abreise hatte ich sogar einen Kurs im Umgang mit Messer- und Schußwaffen absolviert. Diese Optionen fallen mir erst später ein. Er läuft dicht neben mir.

„Ok.“
„Give me your money.“
„Ok. I have lots of money for you.“
Ich will ihm meine Bereitschaft zeigen, ihm zu geben, was er will, seine Geduld strecken, alles tun, damit er nicht doppelt ernst macht. Aber meine manipulativen
Kräfte sind bloße Illusion – die mir jedoch hilft, wenigstens nach außen hin ruhig und gefaßt zu bleiben.

„Make it fast. I don’t want to stab you.“
Jetzt schaue ich ihm nicht mehr ins Gesicht.
„Ok. Yes, we’ll make it fast. Do you want me to just walk on or to stop…?“

Keine Antwort. Ich verstehe – so unauffällig wie möglich. Wir gehen weiter nebeneinander her. Währenddessen hole ich den Rucksack von meinem Rücken, in dem mein Geldbeutel verstaut ist; ich weiß aber nicht mehr genau, in welcher Tasche. Dabei fällt sein Blick auf meine Kamera und andere Gerätschaften. Ich suche und fummle nach dem Geldbeutel, habe abwechselnd Angst davor, daß ihm einfallen könnte, meinen gesamten Rucksack zu verlangen, und daß es ihm zu lange dauert und er in Ungeduld noch das Messer rausholt.

„Make it fast!“
„Yes, I make it fast.“

Ich suche weiter. Ich habe Angst, er könnte meinen, ich meinerseits möchte eine Waffe oder ein Handy zücken oder wolle Zeit schinden oder sonstwas.

„Make it fast!“
Sein Ton bleibt ruhig und bestimmt.

Ich finde endlich den Geldbeutel, öffne ihn. Wir gehen im gleichen Tempo immer weiter. Ich hole den Packen von circa 1600 Rand (umgerechnet etwa 100 Euro) heraus, den ich für alle Behördeneventualitäten, Mittagessen und mein Touristenprogramm dabei hatte, drücke ihn ihm in die Hand und schaue ihn wieder an. Er guckt kurz auf den Packen und läuft weiter neben mir her.

„Is it finished?“
„Yes.“, so überzeugend wie möglich.

Ich hoffe, er kommt nicht noch auf die Idee, meine Kreditkarten und alle anderen Papiere in meinem Geldbeutel haben zu wollen. Ich ärgere mich, daß ich heute früh nicht dieselben Sicherheitsmaßnahmen durchgeführt habe wie sonst immer: nur das Nötigste mitnehmen, zweite kleine Klettgeldbörse um die Wade unter der Hose.

„Do you need that money, Mam? You don’t need it, ne?“

Die Frage klingt so, als meinte er sie ernst. Sie irritiert mich. Keine der Antworten, die mir jetzt einfallen, sind richtig oder risikofrei. Ich schweige, gucke demütig zerknirscht wieder nach vorne.

„Thank you, Mam.“
Es klingt freundlich. Er lächelt.
„Have a nice day.“

„Well. Thank you …“
Ich kriege ein Lächeln hin und murmele: „… for not stabbing me.“

So wie er gekommen ist, entfernt er sich – langsam seitwärts von mir weg. Ich drehe mich nicht um.

Auf der anderen Straßenseite. Dort sitzt eine Gruppe Bauarbeiter, manche schauen zu mir rüber. Ich laufe geradewegs weiter, mit Schreck und Schock. Wenig später laufe ich zufällig an einem Polizeiquartier vorbei. Ich überlege kurz – und lasse es sein. Ich denke mir, wenn ich da reingehe, ist mir nur eins sicher: der nächste Aufreger. Bevor ich dieses nutzlose, korrupte, blasierte Pack um Hilfe bitte, muß mehr passieren. Und selbst wenn sie ihn faßten – der arme Schlucker. No, I don’t need the money the way you do. Ich will darüber stehen. Mitleid mit ihm hilft mir, meine Ohnmacht weniger zu spüren. Ich gehe weiter. Ich will zur Behörde, ich will essen, ich will in dieses Museum, ich will Photos auf dem Church Square machen. Die Angst soll mich nicht aufhalten. Ich laufe weiter.

Jetzt bin ich die einzige Weiße. Die Angst ist da, mit Wucht, lenkt meinen Blick, meine Bewegungen, mein Denken, ich denke nicht mehr. Ich habe Angst, es könnte gleich nochmal passieren. Ich verlaufe mich, frage so unauffällig wie möglich nach dem Weg, laufe planlos, komme schließlich an.

Traurigkeit, Wut, unterdrückte Tränen, Bitterkeit, Haß, tiefer Haß auf dieses Land, auf alle um mich herum. Wie zum Trotz entscheide ich, gleich nachher auf dem Heimweg noch mehr Photos von Zäunen, Stacheldraht, Warnschildern und Überwachungskameras zu machen, wie heute früh. Aber welcher Heimweg? Wie?

Später wird mich mein Kollege in ein Taxi setzen; er kenne das auch, Frauen kämen meistens glimpflicher davon als Männer. „Yes, it does something with you.“ Der Taxifahrer erzählt mir seinerseits von Erfahrungen mit bewaffneten Raubüberfällen. Der Sambier an der Sushitheke weiß auch etwas dazu zu erzählen, die taiwanesische Ladenmanagerin ebenfalls. Ich kenne diese Geschichten alle, habe sie hundert Mal gehört, schlimmere noch. Jetzt höre ich sie anders, und will nicht mehr hinhören, nicht mehr hinsehen, nicht mehr reingehen, zugehen. Auf eine Art die größte Gefahr.

 

„Good Morning, would you like eggs for breakfast?” Zur Abwechslung füge ich dem rituellen Austausch von Höflichkeiten zwischen den Managern meiner Bleibe und mir einen kleinen Erlebnis-Smalltalk des gestrigen Ereignisses an. Ich habe kaum Zeit, mein Müsli zu verzehren, als mir einer der beiden ankündigt, er habe einen befreundeten Polizisten angerufen, der in der Nachbarschaft wohne und heute frei habe, und, wenn es mir nichts ausmache, solle ich ihm berichten. Keine fünf Minuten später ist er da. Grummelig, groß, bullig, in Zivil. Wir sitzen neben dem Pool. Ich erzähle. Der Polizist meint, ich hätte laut rufen, ihn sogar wegschieben sollen, der habe nur so getan und höchstwahrscheinlich kein Messer dabeigehabt. Wenn ich nur laut geschrien hätte, hätten sich die anderen Passanten schon um ihn gekümmert und ihn zusammengeschlagen. Diese Relativierung meiner eigenen situativen Gefahreneinschätzung steht in Kontrast zum Verfolgungseifer meiner Beschützer. Wo genau es gewesen sei? Wie er ausgesehen habe? Was er angehabt habe? Ob er Narben im Gesicht gehabt habe? Ob er unter Drogen stand? Ich will meinen Freunden und Helfern nicht vor den Kopf stoßen und antworte brav, bin auch neugierig auf ihre Bearbeitung der Sache. Aber mir ist unwohl. Ob ich ihn wiedererkennen würde? Ich zeige mich unsicher. Sofort zücken beide ihre Smartphones – darin eine Galerie Straßenphotos von jungen schwarzen Männern. Nein, der nicht, nein, der war es auch nicht, nein, nein… Erst hinterher, nach all den Informationen fragt mich der Polizist, ob ich Anzeige erstatten will. Open a docket? Ich gebe ihm zu verstehen, daß ich das für nicht zielführend halte, schüttle den Kopf. Aber meine Antwort auf seine Frage, der Opferwille scheint vollkommen egal zu sein: Er werde sich um die Ecke kümmern, und ich solle nicht allein auf der Straße gehen, Fremde nicht grüßen. Die Kerle müßten dingfest gemacht werden. … Manchmal müsse man schießen, zur Abschreckung. Ich werde offensiv. Man könne nicht einfach so auf Verdacht schießen! Er erwidert, man müsse sich schützen, manchmal sei es notwendig, er habe die Befugnis, das zu tun. Drüberstehen, Maguelone, drüberstehen, ruft es in mir. Wo kämen wir hin, wenn wir nicht mehr aufeinander zugehen, wenn das Vertrauensniveau nicht ausreicht, um gut oder überhaupt miteinander umzugehen? Es sei traurig. Die größte Herausforderung in diesem Land sei es, sich zu schützen, ohne dabei paranoid zu werden. Ich möchte sagen: Ihr habt einen Knall, alle! Der Gastgeber schaut lange Löcher in die Luft; der Polizist belehrt grimmig. Ich bedanke mich höflich, weiß nicht wofür. Schon wieder hat jemand Meins für seine ungute Agenda geklaut.

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