Pumpen in Pretoria

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Was sich die Marketingleute von Richard Branson wohl alles gedacht haben, als sie mit der Marke ,Virgin Active‘ an den Fitnessmarkt gegangen sind? Das Bedürfnis jedenfalls, das in den halsverdrehten, verweilenden Blicken mancher Mitstreiter an diesem Sonntag mittag zu liegen scheint, wird dem Geschäft nicht schaden. Achtzig Prozent junge Männer, etwa genauso viel weiße wie schwarze Hünen. Ein Mitarbeiter wird herbeigerufen, um mich durch die großzügigen Räumlichkeiten zu führen. Die Geräte sind dieselben wie überall, nur die während der Öffnungszeit wischende, auf dem Laufband kniende, schwarze Putzfrau kenne ich nicht. Ich will schnell durch und, nach zwei Wochen Bewegungsarmut, endlich anfangen, hinten in der Ecke, raus aus der Präsentierrunde. Ich nicke, laufe vor ihm her und höre erst genau hin, als der Mitarbeiter, der später in einem Muskelshirt neben mir Liegestützen machen wird, bemerkt: „So, you are taking the lead now?!“ Er lächelt dabei, aber meint er das auch vorwurfsvoll? „Oh, sorry!“, erwidere ich mit einem ostentativen Rückwärtsschritt und weiß nicht so recht, warum. Er fährt fort mit den Anmeldemodalitäten für Pilates. Ich muß an eine Bekanntschaft denken, die sich im Nachhinein furchtbar darüber aufregte, daß ich vor einer gut besuchten Musiner Bar einmal einen Meter vor ihm gegangen war – das sei sehr unhöflich von mir gewesen, der Mann gehe voran. Ich muß an die Fischersfrauen von Kotda im indischen Sauraschtra denken, die hinter der Riege männlicher Dolmetscher und NGO-Mitarbeiter hatten gehen müssen, obwohl mein Interesse ihnen galt – weil es sich für eine Frau so zieme.

Ziemt sich für eine Frau auch das Schlanksein? Warum will ich während meiner Forschungszeit nicht wieder durchschnittlich zwei Kilo pro Monat zunehmen? Warum geht man Pumpen? Es gibt manchen guten Grund, und viele schlechte. Davon einige mehr dürfte es hier geben als anderswo: mangelnde Alternativen in einem Land, dessen Infrastruktur weitestgehend für den Privatwagen ausgelegt ist; mangelnde Alternativen für das klimatisiert motorisierte Südafrika, das sich vor demjenigen fürchtet, das zu Fuß auf der Straße unterwegs ist. ,Virgin Active‘ unterhält in Südafrika weit über hundert Studios, ist über eine Milliarde Pfund schwer und in diesem Jahr gekauft worden von dem hiesigen Investor Christo Wiese, dem auch der Einzelhandelsgigant ,Shoprite‘ gehört – zumindest in dessen Filiale in Musina konnte ich noch letztes Jahr keinen Naturjoghurt ohne Zucker- und Gelatinezusätze finden.

In Rödelheim schwitzen nur Frauen, Pummelchen und Amazonen, mit und ohne Kopftuch. Der Blick ist im Prinzip aber derselbe wie beim Pumpen in Pretoria: Vergleichend, wertend, die Magersüchtigen erinnern daran. Eher verstohlen und streng dort und unverhohlen und anspruchsloser hier. Ja, fast angenehmer ist das Trainieren mit Männern. Doch auf welche Art attraktiv möchte man sein?

Ich bin durch mit meiner Runde, nur der Bauch fehlt. Platz für Sit-Ups ist nur noch direkt neben einem Typen. Es ist mir unangenehm, weil ich ahne, wie er das auslegen könnte. Tatsächlich braucht es nicht lang, bis er mich anquatscht. Dabei musternde Perspektive mit Fluchtpunkt Po. Auch seine Fragen kreisen mich ein. Wo ich wohne? Er wohne da und da, das sei ja gleich in der Nachbarschaft. Wie lange ich noch hier sei? Ob ich von jemandem begleitet werde? Was meine Familie davon hielte, wenn ich so lange und alleine hier sei? Ich bin reserviert, aber freundlich, antworte Allgemeinplätze, stelle Gegenfragen – weil ich hier bin, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen, weil es ja auch einfach nur nett sein könnte, sich zu unterhalten, und ein Zurückschweigen nicht meinen Vorstellungen von gutem Umgang entspricht. Ob ich einen Typen hätte? Ich könne doch unmöglich ohne Typ so lange hier sein?! „That’s none of your business!“, erwidere ich und versuche lachend die Grenze wieder geradezuziehen. Mit möglichst neutralem Gesichtsausdruck dann eine Ablenkungsoffensive: Was er hier mache? Er sei Polizist in der Forensik-Abteilung in Durban, hier auf Fortbildung, gehöre zu denjenigen, die an Tatorten Waffen, Fingerabdrücke, Blut, Sperma sicherstellten. Jetzt finde ich ihn auch interessant. Ja, an die Toten und Grausamkeiten gewöhne man sich, anfangs sei es allerdings nicht einfach. Nein, die Übergriffe auf AusländerInnen in Durban vor ein paar Monaten hätten nichts mit Xenophobie zu tun, die allermeisten Taten seien rein opportunistisch motiviert gewesen, die xenophobe Stimmung habe das Übergehen zur Tat für manche Kriminelle allenfalls erleichtert. Wir fangen an zu diskutieren; er meint, weil ich zu dem Zeitpunkt nicht in Durban gewesen sei, hätte ich keine Ahnung. Der Typ nervt mich jetzt gewaltig. Aber ich möchte mehr erfahren. Als sein Blick erneut meinen Oberschenkel nach oben gleitet, mache ich Anstalten, mich wieder um meinen Bauch einzuigeln. Jetzt will er meine Kontaktdaten, ich bleibe im Vagen, „see you later“, und fliehe doch.

Ja, klar würde ich mich gerne mit dir treffen, um mit dir über deine Arbeit, deine Sichten, dein Südafrika, dein Leben hier zu sprechen. Aber du Idiot läßt mir ja keine Wahl, bestimmst das Spiel, das ich nur spielen kann, wenn ich dich zum richtigen Zeitpunkt kalkuliert fallenlasse, dein Verlangen vorführe, dich verletze wie du mich. Nur daß ich ein ganz anderes Risiko eingehe als du. Woher, meinst du, kommt das Sperma, das du aufsammelst? Den reduzierten Blick, den du auf mich richtest, muß ich mir zueigen machen, um mich zu schützen. Das schränkt mich ein, raubt mir viel Freiheit. Das macht mich zur Frau. Und warum merkst du nicht, welche Möglichkeiten du auch dir nimmst?

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