Verirrt

Hier

Es ist nicht überliefert, an welchen Aktivitäten Joseph K. in welcher Funktion während seiner Zeit in Keetmanshoop teilnahm. In den versandten Postkarten fällt dazu kein Wort. Die Exponate und Erläuterungen zur Lokalgeschichte, die die 1895 eingeweihte Rheinische Missionskirche heute beherbergt – sie ist das älteste Gebäude des Ortes und neben dem 1910 erbauten Kaiserlichen Postamt wohl das einzig erhaltene, öffentliche Kolonialgebäude -, geben allerdings deutlich Aufschluß über den repressiven Charakter der deutschen Präsenz.

Etwa der Baum am Rande des Ortes, an dem unliebsame Subjekte und Kriegsgefangene erhängt wurden. Oder das Paßgesetz, das das bereits bestehende Regime der Bewegungskontrolle über die nicht-weiße Bevölkerung formalisierte und ab 11. Juli 1904 auch in Keetmanshoop in Kraft trat: Alle Schwarzen, teils ab dem Alter von acht Jahren, mußten Pässe bei sich tragen, wenn sie sich legal aus den für sie per Zwangsumsiedlung ausgewiesenen Zonen auf meist unfruchtbarem Land, den periurbanen Ghettos oder den Farmen weißer SiedlerInnen, die ihre Arbeitskraft mit Gewalt disziplinieren durften, legal entfernen wollten. Als Pässe dienten Marken aus Messing – das Material wurde aus Deutschland importiert, die Marken in Windhoek geprägt –, da sie im Unterschied zu Papierpässen unverwüstlich waren. Erste Paßmarken wurden der Bevölkerung in Keetmanshoop Ende 1904 aufgezwungen; nur zweieinhalb Jahre später war bereits die 12.000ste Marke registriert, im August 1907 wurden in Windhoek weitere Marken bis zur Zahl 17.000 bestellt, 1913 nochmal (vgl. Exponate Keetmanshoop Museum).

Der heute knapp 40.000 Einwohner zählende Ort, der von der dort seit Mitte des 19. Jahrhunderts siedelnden, andere Viehnomaden verdrängenden Nama-Gruppe der !Kharo-ôan ≠Nu≠Goaes („Quelle schwarzen Schlamms“) und auf Otjiherero Otjiheraue („Ort der schwarzen Felsen“) genannt wurde, wurde 1866 umbenannt nach dem Bankier Johann Keetman, der als Vorsitzender der Rheinischen Missionsgesellschaft die Christianisierung des späteren Deutsch-Südwestafrika maßgeblich vorangetrieben hatte. Tiefgreifender als Namensänderungen sind freilich die bereits erwähnten Zwangsumsiedlungen und die Jahrzehnte der sozialräumlichen Segregation gewesen: Die Coloureds nach „Krönlein“, ein nach einem deutschen Missionar benannten östlich ausgewiesenen Gebiet der Stadt; alle Schwarzen nach „Tseiblaagte“ in den Südosten; der Norden und Westen, „Noordhoek“ und „Westdene“, nur für Weiße. Die einzigen anderen Weißen, die ich Anfang September anno 2015 während meiner beiden werktäglichen Spaziergänge durch das Zentrum von Keetmanshoop erblicken konnte, saßen entweder hinterm Steuer oder versorgten sich in Shopping-Malls.

 

Keetmanshoop, 1.9.2015.

Keetmanshoop, 1.9.2015.

Ehemalige Missionskirche, heute Keetmanshoop Museum, 2.9.2015.

Keetmanshoop Museum, 1.9.2015.

2.11.1900, von Joseph an Franz K.

16.4.1900, von Joseph an Franz K.

 

Auch in einer autobiographischen Geschichte, die Joseph nach seiner Rückkehr aus Namibia verfaßte, wird erkundet, dabei allerdings in rauher Umgebung Naturgefahren getrotzt, beinahe gestorben, werden „Eingeborenen“ in einem „bis jetzt so wenig aufgeklärte[n] Land“ Befehle gegeben, zur Motivation und Belohnung auch harter Alkohol, ansonsten relativ wenig rassistisch erniedrigt und harmonische Kooperation betont. Eine Art katholisch-paternalistischer, humanistischer Rassismus vielleicht. Das klare politische Statement am Ende der Geschichte geht mit der damals vorherrschenden Darstellung kolonialer Interaktion dann aber sehr konform:

„Dieser Umstand [Wassermangel] hat ja auch schon unsere Schutztruppen bei dem jetzigen Aufstande mehrmals verhindert, ihre Siege auszunützen. Welcher Heldenmut und welche Tapferkeit überhaupt dazu gehören, solchen Gefahren, wie sie unsere Kolonie bei einem solchen Kriege bietet, zu trotzen, kann nur der richtig einschätzen, der Land und Leute und Verhältnisse aus mehrjährigem Aufenthalte kennt. Mögen sie unsere tapferen Heldensöhne jenseits des Ozeans glücklich bestehen!“

Die Geschehnisse, von denen hier gegenwartsklitternd die Rede ist, meinen den landesweiten Widerstand gegen den brutalen Krieg der deutschen „Schutztruppe“ zwischen 1904 und 1908:

„Am 9. Juli 2015 jährte sich zum 100. Mal das Ende der deutschen Kolonialherrschaft im heutigen Namibia. Diese Fremdherrschaft basierte auf Betrug, Gewalt, Ausbeutung und einem kolonialrassistischen Weltbild. Besonders entschlossen setzten sich dagegen die OvaHerero und Nama zur Wehr. Ihr Widerstand wurde von der kaiserlichen ,Schutztruppe‘ mit dem ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts beantwortet. Die beiden berüchtigten Vernichtungsbefehle, die durch Generalleutnant von Trotha 1904 und 1905 im Namen des deutschen Kaisers erlassen wurden, sind in ihrer genozidalen Absicht eindeutig.

Nach der Schlacht am Waterberg wurde ein Großteil der OvaHerero-Bevölkerung in die Omaheke-Steppe getrieben, wo viele entkräftet verdursteten. Die Überlebenden wurden ebenso wie gefangene Nama in Konzentrationslagern Zwangsarbeit, Hunger, Klima und Krankheiten ausgesetzt. Gebeine von Ermordeten wurden zu rassistischen Forschungen nach Deutschland verschickt. Nach Schätzungen von Fachleuten sind bis zu 80 Prozent der OvaHerero und 50 Prozent der Nama den deutschen Kolonialverbrechen zum Opfer gefallen.

Die Überlebenden des Völkermords wurden im verbleibenden Jahrzehnt deutscher Kolonialherrschaft enteignet, in Reservate gesperrt und zur Arbeit für das Kolonialsystem gezwungen. Bis heute fehlen den OvaHerero und Nama durch den damaligen Raub von Land und Vieh die ökonomischen Lebensgrundlagen. Zu den Opfern gehörten auch Damara und San.“

(Bündnis „Völkermord verjährt nicht!“, 9.6.2015, http://genocide-namibia.net/alliance/appellpetition/)

1905 bot Joseph seinen Text der der katholischen Zentrumspartei nahestehenden Kölnischen Volkszeitung an, einer der zu jener Zeit auflagenstärksten Tageszeitungen im deutschsprachigen Raum, die ihn als Fortsetzungsgeschichte in drei Teilen bereitwillig abdruckte (Korrespondenz erhalten). Hundert Jahre nach dem Ende der deutschen Kolonialpräsenz in Namibia wirft dieser scheinbar harmlose, entweder ignorant kontextlose oder bewußt auslassende Erlebnisbericht Fragen auf.

**

Verirrt. Eine Erinnerung aus Deutsch-Südwestafrika. Von Jos. K.

Feuilleton der Kölnischen Volkszeitung, Nr. 1018, 9.Dez.1905

Glühend heiß sandte die afrikanische Dezembersonne ihre sengenden Strahlen auf den ausgedörrten Sand, der sie grell zurückwarf. Die Luft zitterte merklich unter der fürchterlichen Hitze. Die Kameldornbäume – die sogenannte Acacia horrida – ließen ihre kaum fingerbreiten, aber desto längeren Blätter traurig zu Boden hängen. Kein Vogel rührte sich, kein Wild ließ sich blicken. Nur ganz vereinzelt sah man einen hochbeinigen Hasen mit hellroten Löffeln seine Männchen machen, um dann, wenn er glaubt, etwas Verdächtiges wahrgenommen zu haben, schleunigst über die Steppe zu jagen. Die ganze Natur schien erstorben.

Da hört man plötzlich menschliche Stimmen. „Witbok, aták! Bismarck, Salzburg, Deutschland aták!“ – Vorwärts! So ertönt es ständig aus dem Munde des Ochsentreibers, der nach Afrikanderart seinen Ochsen berühmte Namen gegeben hat.

Er sitzt auf der Futterkiste eines schweren Wagens ohne Plane und schwingt seine „Schwib“ aus Bambusrohr, die mit der Schnur sicherlich sechs Meter lang ist. Das Fuhrwerk bewegt sich aus der Richtung von der Militärstation Keetmanshoop nach Süden fort. Es ist mit zwanzig Ochsen bespannt, kommt aber nur langsam vom Feld, obwohl es nicht beladen ist – nur sechs Personen haben sich darauf gelagert -, aber die Räder sinken doch halbfußtief in den losen, körnigen Sand ein. Die Hitze scheint ihren erschlaffenden Einfluß auch auf die „Treckochsen“ auszuüben, so träge schleichen sie dahin. Oder ist es, weil sie das gestrenge Regiment des Treibers nicht mehr spüren, der sich mit seinem „Tauleiter“ – der die vorderen Leitochsen an einem Tau führt – auf dem Wagen bequem gemacht hat und deshalb mit seiner Schwib nur die Achterochsen, die an der Deichsel gehen, und das zweite Gespann noch erreichen kann? Freilich versucht er diesen Übelstand durch ständiges Zurufen zu ersetzen.

„Wie lange haben wir denn noch zu fahren, bis wir nach Franzbakis [?] kommen? Wir haben den Gauchab schon lange überschritten und die Blauen Berge rechts hinter uns!“ So fragte einer der drei kartenspielenden weißen Männer, welche auf dem Wagen saßen.

„Gedulde Dich nur! In einer Stunde sind wir dort.“

Im ersten Augenblick hätte man die drei für Buren einschätzen können; bei näherem Zusehen erkannte man aber, daß es drei Soldaten der kaiserlichen Schutztruppe waren, die den breiten Filzhut nach Burenart trugen, das heißt die rechte, durch die Kokarde festgehaltene, aufgekrempte Seite war herabgeschlagen, so daß das Gesicht beschattet war.

„Gelt Michel, heute wird’s dir ein bißchen zu heiß? Oh, es waren heute früh um acht Uhr, als wir von der Kaserne wegfuhren, erst zweiundvierzig Grad, und daß wir bis Mittag fünfzig Grad und mehr haben, dafür brauchst du keine Sorge zu tragen. Und von der ersten Wasserstation Franzbakis [?] aus haben wir noch gut drei Stunden zu fahren, bis wir an den Flachklippenbruch kommen. Du kannst dich also von der Sonne noch auf jeder Seite rösten lassen.“

Der Sprechende, ein untersetzter Mann mit Namen Gäßler, ein bayerischer Schwabe, der von seinen Kameraden kurzweg „Sepp“ genannt wurde, schien selbst von der Hitze nichts zu spüren, denn er machte seinen Kollegen den Vorschlag, mit dem Kartenspielen aufzuhören; er wolle ein bißchen feldein gehen; vielleicht wäre es ihm möglich, einen Hasen oder Steinbock zu erjagen.

„Da bin ich auch mit bei der Partie,“ ließ sich der Dritte, ein gebürtiger Westfale namens Dohndorf hören. „Du gehst rechts, ich links vom Wagen, während unser Dicker“ – das war der Spottname des Michel – „die Führung des Wagens übernimmt.“

So geschah es.

Eine Stunde später vereinigten sie sich wieder an dem Wasser, an welchem Michel eben seine Ochsen tränken ließ. Es war dies ein Brunnen mit einem Hebebaum. Drei elende Pontoks – Wohnungen der Eingeborenen – standen in der Nähe, bei welchen mehrere „Bockies“ [?], das ist Kleinvieh, wie Ziegen, Hämmel und so weiter, herumliefen. Michel hatte sich schon etwas Milch gegen Tabak und Zündhölzer eingetauscht und war eben damit beschäftigt, einen Milchreis herzurichten, als die beiden Jäger ankamen. Dohndorf hatte eine Gurrhenne geschossen, während Gässler mit leeren Händen ankam und darob manche Neckrede anzuhören hatte.

Nach kurzem Aufenthalt ging es weiter, der fast endlos scheinenden Fläche gegen Nanebis zu. Kurz nach drei Uhr wurde der „Flachklippenbruch“ erreicht. Dieser Steinbruch liegt in einer Einsenkung des Bodens und ist ringsum von ungefähr fünfzig Meter hohen Hügeln umsäumt, die über und über mit Felstrümmern und Steingeröll besät sind. Man sieht dem Ort auf das deutlichste den vulkanischen Charakter an, der ganz Südafrika aufgeprägt ist. Wo die besten Platten liegen – die zum Auslegen des Speisesaales benötigt wurden – wird Halt gemacht und ausgespannt. Der Tauleiter wird, da sich in der Nähe des Bruches kein Weideland befindet, gegen die Branasberge gesandt mit dem Befehl, wenn die Sonne „achterkant loop“, das heißt, wenn die Sonne untergeht, mit dem Zugvieh wieder anzukommen.

Eifrig geht es nun an die Arbeit. Die drei eingeborenen Soldaten und der Treiber, sowie auch die drei Deutschen, geben sich daran und räumen Geröll und Schutt zur Seite, damit sie besser an die darunter liegenden Platten kommen können.

Nach zweistündiger Arbeit ist der Wagen beinahe beladen. Die Uhr zeigt auf sechs, und da der Aufbruch erst in drei Stunden erfolgen soll, so will Gäßler gegen das Leurivier – Löwenfluß – zu auf die Jagd gehen. Die Flüsse führen nur in der Regenzeit auf einige Tage Wasser, die ganze übrige Zeit sind sie ausgetrocknet. Daß er am Mittag leer heimgekommen ist, wurmt ihm [sic] insgeheim – vielleicht hat er heute abend mehr Glück. Wohl hat er am Mittag einen Springbock und zwei Pfauen gesehen, zum Schusse ist er aber nicht gekommen.

Nach einem tüchtigen Trunke von dem am Mittag mitgenommenen Wasser macht er sich nach Süden zu auf den Weg. Seine Kameraden rufen ihm noch nach: „Verirre dich aber nicht!“ Seine Antwort: „Das wird bei einem alten Afrikaner wie mir wohl nicht vorkommen,“ tönt schon vom Fuße des im Süden gelegenen Hügels zurück. Durch eine Biegung der ausgetrockneten Wasserrinne entschwindet er den Augen seiner Kameraden.

*

Nachdem der Wagen fertig geladen war, machten sich die beiden Soldaten ihr Abendessen zurecht, das aus Büchsenfleisch und Kaffee bestand. Nicht weit davon hatten sich die Eingeborenen häuslich niedergelassen und löffelten eifrig ihre Erbstwurstsuppe, wobei sie eine ihrer eigentümlichen schweren Weisen vor sich hinsummten. Heute waren sie in besonders guter Stimmung, da sie von den „Misters“ – Herren, wie sie die Weißen benennen – eine halbe Flasche Suppie, das ist Schnaps, erhalten hatten zum Lohn für ihre fleißige Arbeit.

Nach der kargen Mahlzeit, die rasch eingenommen war, verkürzten sich die zwei Deutschen die Zeit durch eine lustige Jagd auf Erdmännchen, von deren [sic] genug in dem Taleinschnitt hausten. Es sind [sic] das rotbraune Tierchen, unseren Eichhörnchen nicht unähnlich, nur bedeutend kleiner. Nach vieler Mühe gelang es ihnen, eines habhaft zu werden; sie hatten den Steinriß, der ihm als Wohnung diente, verstopft und so sein Entschlüpfen vereitelt. Inzwischen war die Dämmerung angebrochen, und da der Übergang vom Tag zur Nacht in den tropischen Ländern sehr kurz ist, wurde es jetzt rasch dunkel.

Gäßler war noch nicht zurückgekehrt. Unruhig schauten die zwei Soldaten nach der Richtung, aus der er kommen mußte. Sollte er sich doch verlaufen haben? Ist er vielleicht mit einem Leoparden zusammengeraten? Seit längerer Zeit erhielt sich auch die „Stories“ – das Gerücht – daß der bei Warmbad ansässige Afrikanderstamm losbrechen wolle. Sollte da etwas vorliegen? Solche und ähnliche Gedanken fuhren den zwei durch den Sinn, denn noch viele andere Gefahren birgt das bis jetzt so wenig aufgeklärte Land. Vielleicht hatte er sich auch bloß verspätet.

Aber es wurde dunkler und dunkler, und Sepp kam immer noch nicht zurück. Jetzt hieß es handeln. Die Eingeborenen erhielten den Befehl, möglichst schnell und viel Holz zusammen zu suchen und auf den höchsten Hügel zu bringen. Die Deutschen selbst begaben sich dorthin und ließen von Zeit zu Zeit einen Signalschuß los. Nach jedem Schusse horchten sie mit Anspannung aller Nerven in die Ebene hinaus, ob von dort keine Antwort zu hören sei. Aber dunkel und schweigsam blieb die Nacht, und die Stille wurde nur hie und da von dem Heulen einer Hyäne und dem Bellen eines Schakals unterbrochen. Das von den Eingeborenen gesammelte Holz wurde jetzt aufgeschichtet und angezündet. Dann machte sich der Gefreite Dohndorf in der mutmaßlichen Richtung, aus der Gäßler kommen sollte, auf den Weg. Michel mußte für die Unterhaltung des Feuers Sorge tragen.

Von Zeit zu Zeit einen Schuß abgebend, drang Dohndorf in der von niedrigem Dorngebüsch bewachsenen Ebene vor. Mit seinen scharfen Augen die Dunkelheit durchspähend, horchte er angespannt auf jedes Geräusch… Halt, was ist das? Ein Springbock, durch seine Schritte aufgescheucht, bricht durch das Gebüsch. Eine zwei Meter lange Schlange kreuzt seinen Weg, die bei seinem Anblick schleunigst hinter dem nächsten Dornbusch verschwindet.

Allerlei Gedanken stürmen auf den Soldaten ein. Die Nacht ist auch gerade dazu angetan. Den herrlichen südlichen Sternhimmel über dem Haupte, eine warme Temperatur, gewiß sind es noch 30 Grad, dazu die unheimlich feierliche Stille und – fern der Heimat in einem fremden Lande! Da stellen sich unwillkürlich Betrachtungen ein. Aber heute hat er keine Zeit, solchen Stimmen Gehör zu gewähren, die Sorge um den Kameraden läßt ihm keinen Augenblick Ruhe.

Lange und mühsam hatte er sich weite Strecken hindurch gekämpft über Sand und Felsen, Gestrüpp und Öde. Das Richtfeuer konnte er jetzt nur noch als kleinen Punkt erkennen, und weiter vordringen durfte er auf keinen Fall, da er sich selbst der Gefahr des Verirrens aussetzen würde. Es hätte auch keine Zweck, da er ja nicht bestimmt weiß, in welcher Richtung Gäßler zu suchen war. Er gab noch drei Signalschüsse ab, wartete darauf noch kurze Zeit und machte sich dann mit der Hoffnung auf den Rückweg, Gäßler habe das Richtfeuer von einer anderen Seite gesehen und sich zurecht gefunden.

Ohne weitere Fährnis gelangte er an den Hügel zurück, auf welchem das Feuer brannte, und fast gleichzeitig ertönte oben und unten der eilige Ruf: „Ist er da?“ Und gleichzeitig klang ein gedämpftes doppeltes „Nein“ durch die Nacht der Wüste.

Mit Besorgnis beratschlagten nun die beiden Männer über ihre weiteren Schritte.

„Es ist jetzt gleich vier Uhr, in einer Stunde beginnt die Frühdämmerung. Sollen wir hier bleiben und uns am Tage wieder auf die Suche machen?“

„Das geht nicht, da wir keinen Wasservorrat besitzen. Wie du ja weißt, haben wir schon gestern abend das letzte Wasser verbraucht!“

„Daran sind nur diese verflixten Eingeborenen Schuld! Hätten sie den Trank“ – das eiserne Wasserfaß – „gut versorgt, so hätten wir wenigstens für heute vormittag noch Wasser.“

„Jetzt ist aber daran nichts zu ändern. Eine Wasserstelle ist nicht in der Nähe, am raschesten erreichen wir wieder Franzbakis [?]. Da drüben am Leurivier weiß ich zwar auch noch einen Wasserplatz; sind aber von hier mindestens fünf Stunden,“ ließ sich Dohndorf hören.

Michel, der bis dahin nur düster und mürrisch vor sich hingestarrt hatte, entschied nun: „Ich halte es für das beste, wenn wir so schnell als möglich unsere Steinbrocken vom Wagen ’runterwerfen und in raschestem Lauf nach Keetmanshoop zurückfahren, uns dort auf die Pferde werfen und den Spuren unseres Kameraden folgen.“

Er legte schon Hand ans Werk. „Denn kehren wir von Franzbakis aus wieder zurück“ – so überlegte er weiter – „und laufen ihm dann zu Fuß nach, so brauchen wir viel länger Zeit bis wir ihm Hülfe bringen können, als zu Pferde von Keetmanshoop aus.“

Feuilleton der Kölnischen Volkszeitung, Nr. 1024, 10.Dez.1905

Dohndorf stimmte gleich zu. In fieberhafter Eile wurden die „Flachklippen“ vom Wagen geworfen; die Eingeborenen mußten in der Zwischenzeit die Ochsen einspannen. Samuel Jsaak [?] erhielt den Befehl, das Feuer bis Tagesanbruch zu unterhalten und auf dem Platze auszuharren, bis sie mit den Pferden zurück seien. Zur Aneiferung ließen sie ihm die letzte halbe Flasche Rum zurück.

*

Die Ochsen mußten fast den ganzen Weg im Trabe zurücklegen. Nach acht Uhr traf der Trupp in der Kaserne ein, und wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht, Gäßler habe sich verlaufen. Wie in einem Ameisenhaufen, in den ein fremder Gegenstand hineinfiel, so eilten die Soldaten durcheinander. Die einen zogen die Pferde aus dem Kraal, dem eingefriedeten Platz, worin das Vieh frei herumläuft, die anderen füllten die Wassersäcke, wieder andere packten die Sättel, und die von Feldwebel Kreplin bestimmten acht Mann machten sich selbst zu dem Ritt bereit. Eine halbe Stunde später verließ die Kolonne unter Führung Kreplins mit zwei Bastards als Pfadfindern und zwei Zivilisten, die sich an der Suche beteiligen wollten, von den sehnlichsten Glückwünschen der Zurückbleibenden begleitet, im Galopp die Station.

Jetzt erst war es Michel und Dohndorf möglich, ihren Kameraden eine genaue Erklärung zu liefern. Immer schärfer wurde der Ritt trotz der gewaltigen Hitze, die auch heute wieder herrschte. Nach einer halben Stunde war jeder Gaul über und über mit Schaum bedeckt. Besorgte Fragen wurden laut. „Werden wir ihn noch bei Sinnen antreffen? Was mag er tun, wenn er sieht, daß er keine Aussicht auf Rettung mehr hat?“

So und ähnlich lauteten die Fragen der alten Afrikaner, von denen jeder mindestens schon zwei Jahre, ja einige schon sieben bis acht Jahre und noch länger im Lande waren. Sie wußten, was es bedeutet, „verirrt“ zu sein in der Sandwüste von Südwest. Denn daß Gäßler sich verirrt hatte, war als die größte Wahrscheinlichkeit anzunehmen.

„Ja, wenn er nur Zamnas finden würde!“ Das ist eine Art wilde Wassermelone.

„Ist in der dortigen Gegend so gut wie ausgeschlossen,“ ließ sich ein anderer hören.

„Wann hat Gäßler euch verlassen?“ fragte die Stimme des Feldwebels.

„Um sechs Uhr ungefähr.“

„Also ist er jetzt fünfzehn Stunden ohne Wasser. Heute nacht waren es durchschnittlich 30 Grad Wärme. Gestern waren es in der Sonne 52 Grad, und heute wird es eher noch heißer! Wir müssen uns sputen! Beim Gehen werden die Säfte verbraucht. Erreichen wir ihn bis heute mittag um vier Uhr nicht, so stellt sich bei ihm zweifellos der Wahnsinn ein … wenn er nicht so schon verloren ist.“

Weiter ging es in rasender Eile. In Franzbakis [?] wurden die Pferde getränkt, die Wassersäcke nachgefüllt, und ohne weiteren Aufenthalt, – jede Minute war kostbar – ging es weiter. Furchtbar brannte die Mittagssonne auf die Reiter herab. Schweigsam und ernst setzte die Kolonne ihren Weg fort – Trab und Galopp! Galopp und Trab! Auf jedem Gesichte stand die ernste Besorgnis um das Schicksal des beliebten Kameraden ausgedrückt.

Endlich, nach dreistündigem scharfen Ritt, war der Flachklippenbruch erreicht. Samuel Jsaak [?] war nicht zu sehen. Auf dem Feuerplatz angekommen, erblickten die Männer schräg nach der Richtung, in der Gäßler gestern gegangen war, ein Stück Holz in den Boden eingeklemmt. Hieraus schlossen sie, daß der wackere Eingeborene bei Tageseinbruch den Spuren Gäßlers gefolgt war. Allgemein wurde diese Tat gelobt, die noch erhebender war, wenn man bedachte, daß der Schwarze selbst seit gestern abend ohne Wasser war und doch diesen Marsch ins Ungewisse unternahm.

Nach einer halbstündigen Pause, die man Menschen und Tieren unbedingt gewähren mußte, um sich zu verschnaufen, wurde wieder aufgebrochen. Von jetzt an ging es etwas langsamer, da man die Spuren nicht aus dem Auge lassen durfte. Die als Pfadfinder mitgenommenen Bastards erwiesen sich sehr nützlich, so daß man im Anfange noch im „Hottentottengalopp“ vorwärts reiten konnte. Unter dieser Bezeichnung versteht man eine abgekürzte Galopp-Gangart, bei welcher das Pferd vorn Trab, mit der Hinterhand aber Galopp läuft. Samuel Jsaak [?] hatte selbst die Beibehaltung der Spur erleichtert, indem er von Zeit zu Zeit einen Zweig so auf seine Fährte gelegt hatte, daß die Spitze die Richtung nach vorwärts angab. So lange die Spur in dem tiefen Sande gerade ausging, war es leicht, ihr zu folgen. Plötzlich bog sie aber links ab aufs freie Feld, und hier wurde die Sache schwieriger. Man mußte Schritt reiten.

Die Fährte drehte sich dann in ihrem weiteren Laufe in einem Bogen nach der eben verlassenen Richtung zurück. Jedenfalls wollte da Gäßler wieder den Heimweg antreten, verfehlte aber die Rinne, die er zum Herwege benutzt hatte. Die Spur zog sich nach einem weiter rechts gelegenen Rinnsale und ging hier aufwärts. Später mußte er dann gesehen haben, daß er irre gelaufen war, denn die Fährte führte wieder zurück. Jedenfalls wollte er die richtige Fährte wieder zu gewinnen suchen; da aber die Dunkelheit schon angebrochen war, verlief er sich erst recht.

Die Spur führte jetzt im Zickzack und im Bogen mehrere Stunden hin und her, bis sie dann später eine gerade Richtung nach Nordwesten nahm. Um vier Uhr nachmittags wurde Samuel Jsaak [?] von den Reitern eingeholt. Er war bis dahin unverdrossen der Spur Gäßlers zu Fuß gefolgt. Als er sich mit Speise und Trank etwas erquickt hatte, wurde der Weg fortgesetzt. Kein Wort wurde gesprochen. Deutlich stand auf jedem Gesichte zu lesen: Was ist aus ihm geworden?

„Da vorne schweben Geier in der Luft!“ unterbrach plötzlich Michel die bisher unheimliche Stille.

Eilig wurde dieser Stelle zugestrebt. Erleichtert atmete alles auf, als man ankam und sah, daß es ein zum Tode verwunderter Springbock war, der, wie es sich bei näherem Zusehen ergab, von einer Militärkugel angeschossen war. Ein Eingeborener blieb zurück, um ihn auszuweiden und mitzunehmen. Unterdessen setzten die anderen ihren Weg fort. Immer drückender ward die Besorgnis. Auf dieser Spur war ein wankender, taumelnder Mensch geschritten! Wo wird er liegen? Wie werden wir ihn finden?

Der Boden wurde steiniger, und immer schwieriger wurde es, die Spur fest einzuhalten. Da tauchte vorne ein Bergesgipfel auf, der wegen seiner eigenartigen Form Slangkop (Schlangenkopf) genannt wird. Es ist dies ein ziemlich gleichmäßig runder Berg von ungefähr sechshundert Meter Höhe, der nur an der einen Seite durch einen um die Hälfte niedrigeren Gebirgszug seine Fortsetzung findet. Die Spitze des Berges, die wie ein Zuckerhut zuläuft, wird oben von einem Felsenaufbau gekrönt, dessen Wände sicherlich dreißig bis vierzig Meter senkrecht abfallen, so daß dieser Teil sich wie eine Krone ausnimmt. Das Ganze sieht wie eine Schlange, die sich mit dem Vorderkörper aufgerichtet hat, nicht unähnlich, und daher die Bezeichnung Slangkop. Der Berg liegt ganz in der Nähe des Baiweges, der von Angra Pequena nach Keetmanshoop führt, und ist deshalb jedem, der sich im Süden des Schutzgebietes aufhält, gut bekannt. Am Fuße des Berges gegen Westen befindet sich eine Quelle.

Die Fußstapfen Gäßlers wiesen auf die Quelle zu. Im Sturme flog die Kolonne dahin. Doch als man hinkam, war nichts zu sehen. Nur eine Menge von Ochsenspuren lief durcheinander, und der Boden war vollständig vertreten. Nachdem die Mannschaft die Pferde getränkt und sich selbst etwas gestärkt hatte, wurde die ganze Gegend im Umkreis sorgfältig abgesucht, aber ohne Erfolg. Da sich die Dämmerung schon einstellte, wurde der Heimweg angetreten, der von Slangkop aus ungefähr fünfunddreißig Kilometer beträgt.

Allerlei Vermutungen wurden nun laut. Hatte Gäßler den Berg klaren Sinnes erreicht, so hatte er auch die Quelle gefunden, die ihm gut bekannt war. Oder aber was das Delirium schon so weit vorgeschritten, daß er das Wasser gar nicht mehr erkannte und weiter wankte und marschierte, bis er zuletzt zu Tode erschöpft bei einem Steine oder Strauche niedersank? Ähnliche Vorkommnisse wurden aufgezählt, so von einem Reiter Koch, der sich auf dem Wege von Dawignab [?], an der Grenze der Kalahariwüste, nach Ukamas verritten und erst am zweiten Tage an dem Damm bei Ukamas ankam. Er saß vollständig nackt auf ungesatteltem Pferde. Seine Kleider und Ausrüstung hatte er im Wahnsinn von sich geworfen, ebenso sein Pferd abgesattelt. Das Pferd, sich selbst überlassen, fand aber durch seinen Instinkt den Weg zum nächstgelegenen Wasser und dies war Ukamas. Während nun das Pferd seinen Durst am Wasser löschte, setzte sich der Reiter an den Rand des Wassers und hielt verworrene Reden. Der helle Wahnsinn sprach aus seinen Augen. Eingeborene fanden ihn so. Rasch holten sie den Farmer Michler herbei, der sofort den Zustand des bedauernswerten Mannes erkannte. Er ließ ihm gewaltsam ein wenig Wasser einflößen und brachte ihn in sein nahegelegenes Haus zur weiteren Verpflegung.

Unter solchen Befürchtungen ritt man heimwärts. Sollte Gäßler noch nicht in der Kaserne angekommen sein, so wollte man sich morgen früh so rechtzeitig auf den Weg machen, daß man bei Tagesanbruch am Slangkop einträfe, um die Suche wieder aufzunehmen.

*

Inzwischen hatte sich auch der in der Kaserne Zurückgebliebenen eine große Unruhe bemächtigt. Sollte der gute Sepp in so qualvoller Weise verdurstet sein? Oder war das Suchen von Erfolg gekrönt? Diese Ungewißheit nagte an jedem Herzen. Mir selbst ging das Schicksal meines engeren Landsmannes sehr nahe. Wohl hundertmal im Laufe des Tages trieb mich die Unruhe zum Garten hinaus – ich hatte damals die Gartenanlagen zu bewirtschaften –, um mit bewaffnetem Auge den Gesichtskreis abzuspähen, ob nichts zu sehen wäre. Aber immer lag die grellbeleuchtete, mit Dornbüschen übersäte Fläche regungslos da, und kein Lebewesen war in ihr zu entdecken.

Da – nach sieben Uhr abends – sah ich in der Ferne eine Gestalt einherwanken. Rasch eilte ich mit der Feldflasche voll Wasser hinaus und wirklich – es war unser lieber Sepp, der mit blutunterlaufenen Augen daherkam und auf meine Anfrage nur: „Wasser, Wasser,“ stammeln konnte!

Nachdem er aus der Feldflasche getrunken hatte, führte ich ihn in meine Bretterhütte – ich wohnte zur größeren Sicherheit der Pflanzung nicht in der Kaserne, sondern im Garten – und brachte ihn zur Ruhe. Jetzt erst konnte ich ihn mir näher anschauen. Sein Gesicht und seine Hände waren über und über von Dornrissen bedeckt; an seinen Kleidern fand man kein handgroßes ganzes Fleckchen mehr. Das waren die Spuren der nächtlichen Wanderung. Immer wieder verlangte er nach Wasser, das ich ihm jedoch nur in ganz kleinen Gaben reichen durfte. Dann schickte ich meinen Bambusen – farbigen Diener – mit der kurzen Mitteilung, daß sich Gäßler bei mir eingefunden habe, nach der Kaserne. Die heimkehrende Patrouille, welche mit der gleichen Freudenbotschaft empfangen wurde, hätte bald meine Bude gestürmt, um ihn zu sehen und zu beglückwünschen.

*

Am nächsten Tage erzählte uns Gäßler sein Erlebnis wie folgt:

Vom Bruch aus drang ich, wie ihr wißt, in die Rinne ein, um ein im Süden gelegenes Rivier – Flußbett – zu erreichen, das mit seinen grünen Kameldornbäumen so verlockend herüberschaute. Wenn es irgendwo etwas zum Jagen gibt, so ist es dort, dachte ich. Schon ziemlich nahe daran, sah ich links drüben einen Springbock ruhig grasen. Da ich den Wind für mich hatte, so verließ ich die Rinne und pürschte mich mich an ihn heran. Es gelang mir; ich kam ganz gut zum Schuß, der Bock ging aber mit der Kugel weiter. Ich wußte genau, daß ich ihn getroffen hatte und sah es auch am Schweiß des Bockes. Du sollst mir aber nicht entkommen! war mein Entschluß. Und so verfolgte ich den Bock mit allem Eifer in der Hoffnung, er könne nicht mehr weit laufen. Das Jagdfieber hatte mich gepackt und ließ mich alle Vorsicht vergessen. Ich sah nichts mehr als meinen Bock, und den mußte ich kriegen!

Feuilleton der Kölnischen Volkszeitung, Nr. 1026, 11.Dez.1905

Ich rannte ihm nach über Stock und Stein. Aber wenn ich glaubte, er sei hinter den Hecken zusammengebrochen, so schoß er wieder hundert Meter vor mir vom Boden auf.* So ging es ziemlich lange gerade aus, dann seitlich rechts und links in heftiger Hetze. Schließlich kehrte der Bock aus irgend einer Ursache um, und nun ging es wieder die alte Richtung zurück, aus der wir eben gekommen waren. Doch da brach die Dunkelheit ein, und ich erkannte, daß ich den Bock doch im Stiche lassen mußte … Lauf zum Kuckuck!

Nun wollte ich den Heimweg antreten. Ich suchte mich, so gut es ging, zu orientieren, um in die alte Rinne zurückzufinden. Der genannte Rivier scheint mir übrigens ein Nebenfluß des Leuriviers zu sein. Und von da hoffte ich dann über den Flachklippenbruch heimzukommen. Endlich meinte ich die richtige Rinne gefunden zu haben. Ich folgte ihr eine große Strecke, mußte dann leider erkennen, daß sie einen großen Bogen nach links schlug: ich war in die Irre gegangen. Eiligst kehrte ich zurück, um vielleicht noch vor Einbruch vollständiger Dunkelheit den rechten Weg zu entdecken. Aber es wurde dunkler und dunkler. Ich strebte also dem nächsten Hügel zu, um dort einen Überblick zu erhalten. Nun rächte es sich bitter, daß ich mir die verschiedenen Formen der Berge und ihre Lage zu einander nicht gemerkt hatte. Wohl zeigte mir das südliche Kreuz die Himmelsrichtung an, aber wo lag der Flachklippenbruch? Im Norden wohl; aber lag er von meinem Standpunkt aus im Nordosten oder Nordwesten, oder gerade im Norden? Diese Fragen beschäftigten mich sehr. Ich ließ noch einmal, so gut es ging, meinen ganzen Marsch in meinem Kopfe vorüberziehen und kam zum Schlusse, der Bruch müsse im Nordwesten liegen. Dahin also lenkte ich meine Schritte und kam bald in ein hügeliges, mit Wasserrinnen durchzogenes Gelände, das mit vereinzeltem Busch bestanden war. Da ich annehmen mußte, daß ihr nach mir suchen und zu diesem Zweck gewiß ein Leuchtfeuer anzünden würdet, so lugte ich von jedem Hügel scharf nach allen Seiten aus, aber immer war nichts zu erblicken. Selbstverständlich knallte ich auch von Zeit zu Zeit einen Signalschuß los; aber nichts als das Echo war zu hören. Da ward mir die Geschichte doch etwas unheimlich.

Ein brennendes Durstgefühl, verbunden mit nagendem Hunger, stellte sich ein; immer ernster erschien mir jetzt meine Lage. Schon ein paarmal hatte ich bemerkt, daß ich mich an Plätzen einfand, wo ich vorher schon gewesen war! Ich hatte also schon den Kreislauf begonnen, und der ist bei den Verirrten gewöhnlich der Anfang vom Ende. Nirgends konnte ich auch Zamnas oder wilde Gurken finden.

Erschöpft bis zum Tode ließ ich mich gegen Mitternacht auf einen Stein hinsinken. Hunger hatte ich keinen mehr, aber umso stärker war der Durst. Mein Schlund war wie ausgedörrt, die Zunge klebte mir am Gaumen, die Lippen sprangen auf. Die Kratzwunden von den Dornen brannten wie Feuer. Meine Schläfen waren durch Blutandrang hoch angeschwollen; in meinen Ohren hörte ich ein Sausen, wie wenn ein Wasserfall in der Nähe wäre. Quälende Gedanken zuckten mir durch das Hirn: Wie wenn ich durch meine Wanderung noch viel weiter vom rechten Wege abgekommen wäre? Zu spät fiel mir der Grundsatz ein, daß man sich niederlegen soll, wenn man sich verirrt hat und zwar so, daß der Körper genau in der Richtung liegt, aus der man gekommen ist. Immer düstere Bilder stiegen vor meinen Augen auf. Alle Kameraden, die durch ein ähnliches Schicksal ihr junges Leben lassen mußten, kamen mir in den Sinn. Lähmend wirkte der Gedanke, daß ihr meine Knochen, vielleicht nach tage- oder wochenlangem Suchen, von den Geiern abgenagt und von der Sonne gebleicht auffinden würdet, wie es ja vor ein paar Wochen mit unserem Kameraden Jakob der Fall war. Ich konnte mich gegen solche Vorstellungen wehren, wie ich wollte, immer quälender und erregter kamen sie wieder.

Die Verzweiflung wollte mich schon fassen. Da sah ich plötzlich in weiter Ferne einen Lichtfunken aufblitzen. So gut ich konnte, starrte ich mit meinen umflorten Augen hin: ja, es war ein Feuer! Dort müssen Eingeborene wohnen, oder ein Frachtfuhrmann hat es angezündet, der dort ausgespannt hat und seine Ochsen grasen läßt. Das gab mir frischen Mut, und ich machte mich auf den Weg. Immer das Feuer im Auge behaltend, strebte ich vorwärts, keines anderen Gedanken mehr fähig als: das Licht mußt du erreichen, dort gibt es Wasser!

Mit einemmal schien es mir, als würde das Feuer kleiner, und als ich nach dem Überschreiten einer Bodensenkung nach ihm ausspähte, war es verschwunden. Ganz unfaßbar starrte ich nach der Richtung hin, in der das Feuer gebrannt hatte. Da faßte mich ein Krampf zum Weinen, und verzweifelt lag ich im Sande. Mein Kopf schien mir wie ein Amboß, auf den schwere Hammerschläge fielen. Mein Herz ging so stoßweise, da es das verdickte Blut nur noch mit Gewalt durch die Adern treiben konnte, daß ich glaubte, es sprenge mir die Brust. Die Augenlieder konnte ich kaum mehr heben; mein ganzer Körper schien ein Feuer zu sein. Schreckensbilder von Geiern, welche über mir schwebend, nicht einmal meinen Tod abwarten, stürmten wieder auf mich ein. Dazu noch die tödliche Ruhe der umgebenden Natur, die nur von dem zeitweisen Heulen einer Hyäne unterbrochen wurde. Mehrmals hatte ich schon das Gewehr zur Hand genommen, um diesem elenden Leben ein rasches Ende zu machen; aber der Gedanke an meine Mutter, sowie eine mir von Jugend auf eingeflößte Abscheu vor dieser schrecklichsten aller Sünden, hielten mich immer wieder zurück.

Wie lange ich so dumpfbrütend dagesessen bin, weiß ich nicht; mir schien es eine Ewigkeit. Plötzlich flammte da vorn das Feuer wieder auf. Meine Energielosigkeit war schon so weit vorgeschritten, daß ich mich kaum erheben wollte. Der letzte Rest des Selbsterhaltungstriebes half mir aber auf die Beine. Ich taumelte nur so vorwärts wie ein Betrunkener, stürzte zu Boden und raffte mich wieder auf. Ich hatte nur noch das instinktmäßige Bewußtsein: zu dem Feuer, zu dem Feuer! Dann bist du gerettet!

Von diesem Zeitpunkt an weiß ich nicht mehr, was sich zugetragen hat. Als ich auf einmal klaren Sinnes wurde, fand ich mich auf einer Decke liegend einem älteren Buren gegenüber. Auf meine Frage, wie ich hierher gekommen sei, erzählte er mir, daß ich ganz mechanisch auf das Feuer zugeschritten sei, ja, daß ich, wenn er mich nicht zurückgehalten hätte, in das Feuer selbst hineingelaufen wäre. Meinen Zustand erkennend, hatte er mir mit Gewalt kalten Kaffee eingegeben. Ich war dann in eine Art bewußtlosen, kurzen Schlaf gefallen.

Ich gewahrte nun, daß wir uns am Slangkop befanden. Dem Stande der Sonne nach mußte es ungefähr acht Uhr in der Frühe sein. Ich erzählte dem Buren mühsam mein Erlebnis. Er hatte mir unterdessen ein Hottentottenbeef – in der Asche halb durchgebratenes Fleisch – zurechtgemacht, und mit einer Gier, die ich nur schlecht beherrschen konnte, griff ich zu. Kameraden, so hat es mir mein Lebtag noch nicht geschmeckt! Ich habe meinem Gastgeber seinen halben Tank voll Wasser leer getrunken.

Darauf bedankte ich mich bei dem Alten. Der schüttelte den Kopf und hatte nur eine riesige Freude, daß er mich hatte retten können. Nach kurzer Pause machte ich mich auf den Weg hierher. Der Bur, welcher meinetwegen seine Reise um einige Stunden verzögert hatte, zog nach dem Fischfluß zu. Die sieben Gehstunden von dort bis hierher strengten mich ungeheuer an; ich brauchte ja nahezu elf Stunden. Der Durst stellte sich wieder früher ein, als mir lieb war, und wenn es noch etwas länger gedauert hätte, wäre ich in den Zustand der vergangenen Nacht zurückgefallen.

„Ja, hättest halt in Slangkop auf die Patrouille gewartet,“ brummte da der Michel.

„Kannst leicht sagen,“ meinte Gäßler darauf. „Ich konnte doch nicht wissen, ob es der Patrouille glückte, auf dem teilweise steinigen Gelände meine Spur zu finden und ihr zu folgen! So hat es für mich nur heißen können: Heim! Heim! Aber nun gut, Kameraden! Jetzt bin ich wieder da! Und das will ich euch sagen: mich führt in ‚Südwest‘ kein Bock mehr in die Irre!“

Wir lachten und freuten uns seiner Rettung.

Wir alle kannten die Schrecken des Wassermangels aus Erfahrung. Gutes Trinkwasser gibt es sehr wenig in dem Schutzgebiete. Dieser Umstand hat ja auch schon unsere Schutztruppen bei dem jetzigen Aufstande mehrmals verhindert, ihre Siege auszunützen. Welcher Heldenmut und welche Tapferkeit überhaupt dazu gehören, solchen Gefahren, wie sie unsere Kolonie bei einem solchen Kriege bietet, zu trotzen, kann nur der richtig einschätzen, der Land und Leute und Verhältnisse aus mehrjährigem Aufenthalte kennt. Mögen sie unsere tapferen Heldensöhne jenseits des Ozeans glücklich bestehen!

*Der Springbock hat die eigentümliche Fortbewegungsart, daß er zwei bis drei Sprünge flach vorwärts macht und sich dann bei dem nächsten Sprung ein bis zwei Meter senkrecht in die Höhe schnellt. Bei einer größeren Herde von vielleicht mehreren hundert Stück gewährt dies einen grotesken Anblick.

**

Comments are closed.

error: Content is protected !!
Powered by: Wordpress