Omugulugwombashe

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Es ist der 26. August, als ich in Namibia ankomme. Ein Feiertag, „Heroes‘ Day“, an dem an den Angriff auf Omugulugwombashe erinnert wird. An diesem Tag vor 49 Jahren beschossen Helikopter der südafrikanischen Polizei und Luftwaffe diesen Ort im Norden Namibias. Unter anderem hier hatte die People’s Liberation Army of Namibia (PLAN), der 1962 gegründete bewaffnete Arm der South West Africa People’s Organization (SWAPO), ein Trainingslager errichtet. Es war die erste offene militärische Konfrontation zwischen der namibischen Unabhängigkeitsbewegung und der Südafrikanischen Union, die als britisches Dominion das Land 1915 während des ersten Weltkrieges vom Deutschen Kaiserreich annektiert hatte, bald durch ein Völkerbundsmandat legitimiert. Erst 1966 wurde die fortdauernde Kolonisierung Namibias – auch die inzwischen von Großbritannien unabhängige Republik Südafrika behandelte Namibia de facto als Provinz – durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen in Frage gestellt. Weitere zwölf Jahre verstrichen, bis sich der Sicherheitsrat mit der Resolution 435 auf einen Plan zur Unabhängigkeit Namibias einigte. 1990 schließlich erfuhr Namibia als bislang letzter afrikanischer Staat seine Dekolonisierung (siehe aber die von Marokko besetzte Westsahara, der Demokratischen Arabischen Republik Sahara in spe). Dazwischen lag der Südafrikanische Grenzkrieg, eine unübersichtliche, blutige Gemengelage aus Stellvertreterauseinandersetzung im Zeichen des späten Kalten Krieges und antikolonialem Befreiungskampf, nicht nur zwischen dem südafrikanischen Apartheidsregime und PLAN, später unterstützt durch Umkhonto we Sizwe (MK), der aus dem sambischen und simbabwischen Exil agierenden bewaffneten Widerstandsorganisation des African National Congress (ANC), sondern auch zwischen verschiedenen angolanischen Unabhängigkeitsbewegungen, Salazar-Portugal und Kuba. Wer sich eine konkrete Vorstellung der rezenteren kolonialen Brutalität bilden möchte, die nicht nur die Gesellschaften des südlichen Afrika tief geprägt hat, sollte Göran Olssons Dokumentarfilm-Collage Concerning Violence (2014) anschauen.

Manche heute in Namibia gepflegten Identitäten, Erinnerungskulturen und deren Zeugnisse im öffentlichen Raum haben offenbar wenig von ihrem Antagonismus verloren. Das architektonisch-symbolische Nebeneinander sticht ins Auge. Zwar ist das „Reiterdenkmal“ in den Innenhof der Alten Feste – ehemals das Hauptquartier deutscher Kolonialpräsenz in „Südwest“ (1884-1915), dann der südafrikanischen Truppen, heute Nationalmuseum – abgestellt worden und der „Schutztruppenreiter“ dazu verdammt, den Blick auf das von der nordkoreanischen Mansudae Overseas Corporation entworfene, innen wie außen im bombastischen Heldenstil gehaltene Independence Memorial Museum zu richten (vgl. http://www.freiburg-postkolonial.de/Seiten/Zeller-Reiterdenkmal-1912.htm). Doch eine 1964, von den „Alten Kameraden SWA“ gestiftete Erinnerungstafel prangt ungestört nur wenige Meter vom neuen Genoziddenkmal entfernt. Auch ein Sonntagsgebet unter einer unkommentierten Holztafel „zum ehrenden Andenken von der Schutztruppe und der Bevölkerung dieses Landes“ in der 1910 eingeweihten, nun von der gegenüberliegenden nordkoreanischen Architektur übertrumpften und an der Fidel Castro Street gelegenen Christuskirche scheint möglich.

Independence Memorial Museum und Statue von Sam Nujoma an der Stelle, an der zuvor das „Reiterdenkmal“ stand. Windhoek, 27.8.2015.

Nujomas Blick nach Nordwesten auf die Christuskirche, Windhoek, Namibia, 27.8.2015.

Dies ist ein Ausschnitt eines von mehreren Panoramagemälden im Independence Memorial Museum, das an den (bewaffneten) Widerstand erinnern soll, hier gegen die Kolonialmächte Ende des 19., Angang des 20. Jahrhunderts. Das Eingangsbild oben zeigt, wie „nationale Einheit“ aussehen soll. Independence Memorial Museum, Windhoek, 27.8.2015.

In goldenen Lettern ist in der Kirche auch die III. Feldkompanie der „Schutztruppe“ aufgeführt, der sich mein Urgroßvater freiwillig, aber nicht ohne Not angeschlossen hatte. Während sein Bruder Franz unter die Fittiche der katholischen Kirche schlüpfte, später Priester wurde und als Kunsthistoriker und Speyerer Domforscher zu regionalem Ansehen kam, suchte der andere Frühwaise Joseph aus ärmlichen, Edesheimer weinbäuerlichen Verhältnissen sein Glück bei den Bamberger Ulanen. Er war 21, als er Anfang 1900 für rund eineinhalb Jahre in Keetmanshoop, einem kleinen Missionsort in der heutigen Karas-Region rund 500 Kilometer südlich von Windhoek, stationiert wurde. Er gehörte nicht zu den „gefallenen Kameraden“, sondern sollte später der Bayerischen Volkspartei beitreten und Geschäftsführer im Vorstand der Landwirtschaftlichen Zentralgenossenschaft in Regensburg werden, die 1934 in die noch heute existierende BayWa überführt wurde. Er starb im Jahr der Machtübergabe an die NationalsozialistInnen. Vielleicht hatte er darauf keine Lust mehr. Die Postkarten, die er Franz aus Keetmanshoop schrieb – 15 sind erhalten, die Briefe, auf die hier und da Bezug genommen wird, nicht mehr – lassen hingegen mit aller Wahrscheinlichkeit auf eine affirmative Haltung zum wilhelminischen Kolonialismus schließen. Auch wenn nicht viel Platz zur Kommentierung ist oder eventuell gar Zensur gefürchtet wurde – wie kann man ein Gruppenbild angeketteter, ausgemergelter „Kriegsgefangene[r] Hottentotten“ mit „Liebe Grüße an Euch und alle Bekannte, hoffe bald einen Brief zu erhalten. Euer Joseph.“ beschreiben und als Postkarte verschicken?

Um die Jahrhundertwende wohl sehr beliebte Postkarte; am 2.11.1900 von meinem Urgroßvater Joseph K. verschickt. Das auch im Internet kursierende Entstehungsjahr (1904) dieser Aufnahme ist falsch. Das Bundesarchiv hat die Korrektur auf ein früheres Jahr bereits aufgenommen.

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