Drei Monate, fünf Grenzen, ein Lächeln

Zäune

Ein Text von meiner ersten Forschungsreise. Herbst 2015, aus aktuellem Anlaß:

Beim Joghurtmachen vor ein paar Wochen erzählte ich Bülent, dem Istanbul zu groß und Erdogan zu autoritär geworden sind, daß „die Türken“ an meiner bayerisch-schwäbischen Grundschule Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre „Knoblauchstinker“ zweiter und ich Knoblauchstinkerin erster Klasse zu sein pflegten. Um meinen Vorsprung im Ranking zu behalten, war ich beim Mobben und Treten nach Unten ganz vorne mit dabei. Wobei „die Jugoslawen“ irgendwie durchgeknallte Frühreife waren, die entweder Löcher in die Luft starrten oder ständig rumheulten, und deshalb oder trotzdem nicht weiter beachtet wurden. Die Abgrenzungsrituale wurden nicht nur auf dem Schulhof, sondern auch im Klassenzimmer ausgetragen. Das fing mit der ersten „Hausaufgabe“ an, die darin bestand, die in der eigenen Schultüte enthaltenen Gegenstände auf ein zu großes Blatt Papier zu malen, das dann für alle sichtbar an die Wand gepinnt wurde. Und hörte damit auf, daß nur sechs von 25 Schülerinnen und Schülern eine „Gymnasialempfehlung“ bekamen. (…) Dazwischen lagen seltsame Schulgottesdienste – das Fernbleiben mußte begründet entschuldigt werden –, und Besuche unterm Kruzifix. Von Sparkassenmännern. Wen die Münzzählmaschine als größten Sparer ausgemacht hatte, wurde beklatscht. Von Polizeibeamten, die einem „Sicherheit“ beibrachten. Zur Illustration mußten sich Sabrina* in ihrem neonfarbenen Reflektor-Anorak und Maguelone in ihrem marineblauen Filzmäntelchen nebeneinander vor die Tafel stellen.

Dunkelblau ist die Uniform, die Lindiwe* trägt, wenn sie an der Grenze Dienst tut. Sie stöhnt und hofft auf Versetzung, zum Beispiel an den Flughafen von Polokwane, wo nichts los sei und wo man Ruhe habe. Musina sei nicht nur heiß, sondern es gebe hier viel zu viele Leute von anderswo, vor allem diese Simbabwer. Den Mann aus Malawi, der von de Villiers‘ neulich genauso ausgehungert und durstig weggeschickt wurde, wie er auf deren Grundstück gelandet war, hat nicht nur Lindiwes Motivationsmangel passieren lassen, sondern ein Gefälle, an dem – mit Sicherheit – Viele (ihr) Geld verdienen. Auch Mohmed* aus Äthiopien ist durchgekommen. Als Kind fing er das Arbeiten als Lastenträger für reiche Leute an. Der Erstgeborene mußte helfen, die kleineren Geschwister zu ernähren. Irgendwann reichte aber auch das nicht mehr, was er inzwischen aus Addis in seinen Heimatort schickte. Vor drei Jahren und sieben Monaten – solange hat er seine Familie nicht mehr gesehen – sei er schließlich in Richtung Süden aufgebrochen. Drei Monate sei er mit dem Bus, mit Taxen, als das Geld knapper wurde, auch zu Fuß durch Kenia, Tansania, Sambia und Simbabwe bis hierher unterwegs gewesen. Seine zwei Begleiter seien anfangs nicht seine Freunde gewesen, danach dann aber schon. Sechstägige Fußmärsche ohne Essen und mit Krokodilen (diesmal im Sambesi) sind Fitzelchen einer Geschichte, die ich nie werde fassen und noch weniger werde erzählen können. Auch wenn Mohmed und ich uns noch einmal stundenlang auf einer Bank vor dem Rugbyclub zusammensetzen, während bierbäuchige Buren mit argwöhnischem Blick auf unser Weißschwarz den Feierabend herbeigröhlen.

Jeden Tag von 6 bis 16 Uhr arbeitet Mohmed. Er handelt mit aus China über Johannesburg importierter Schuhware, wie seine eritreischen Kollegen. Seitdem letztes Jahr die Musiner Kommunalverwaltung die Auslage von Waren auf der Straße verboten habe, sei es schwer. So sei er weiter Zwischenhändler. Vermietung und Verkauf innenstadtnaher Ladenflächen sei in fester indischer Hand, im Schnitt 60.000 Euro für 20 Quadratmeter. Aber die simbabwische Kundschaft bleibe nirgendwo aus und das sei das Wichtigste. Er spare weiter, schicke weiter Geld nach Hause. Letzte Woche habe ihm sein Vater per Telephon gesagt, er solle nun versuchen, in Südafrika wieder zur Schule zu gehen, er habe genug geholfen. Zwei Mal habe er es geschafft, draußen durch das Fenster eines Klassenzimmers einer Grundschule hier dem Unterricht zu lauschen. Er habe die Stufe gewählt, die er als Zwölfjähriger als letzte besucht habe. Das ist 15 Jahre her. Er senkt das Gesicht. Die anschwellenden Stirnadern durchströmt ein leiser, trauriger Stolz. Aufregung und Schüchternheit legen sich. Sie sind auch der eigenen Unterschätzung seines Englisch geschuldet. Er habe es erst in Südafrika erlernt, dessen Brauchbarkeit läßt er sich mehrmals von mir versichern. Er lese, wenn er Zeit habe. Er wolle lernen, er sei ja noch jung und habe noch viel vor. Auch heiraten. Es gebe da eine Äthiopierin in London, die er bereits übers Internet kennengelernt habe. Er sei sich jedoch nicht sicher, ob er Kinder bekommen solle, da er ihnen ja dann überhaupt nichts beibringen könne. Die bescheidene Sanftheit seines Lächelns dringt tief in mich ein. Ich bin um Worte verlegen, finde dann schließlich doch noch ein Kompliment. Die Schule des Lebens beherrsche er, und das sei das Einzige, was zähle.

Genauso ernst meine ich die Warnungen, die ich vor dem leichtfertigen Entschluß, in Europa ein Leben zu versuchen, ausspreche, wenn ich fast täglich von erwartungsvollen Gesichtern nach der Welt gefragt werde, aus der ich komme. Er habe gehört, Bulgaren und Rumänen würden in den reichen Ländern der EU mies behandelt, meint Phillip*, ein anderer Äthiopier. Ja, und ich berichte vom Massengrab Mittelmeer, von biometrischen Speicherungen, von ihrem Landsmann Twedi*, der mit meinem Flieger abgeschoben wurde, als ich herreiste**, von nach Nase sortierenden, gut bezahlten und unbestechlichen Polizisten, die meistens jedoch genauso mit Straffreiheit davonkommen wie in Südafrika, von Besitzern, die nicht an „Ausländer“ vermieten, von abgefackelten „Asylantenheimen“, von rechtsradikalen Parteien, die in immer mehr Parlamente einziehen, von „Ausschaffungsinitiativen“, vom mordenden NSU, von zuschauenden „Sicherheitsbehörden“.

Vom europäischen Geiz, die Freizügigkeit als globales Generikum zuzulassen. Von der Feigheit, das Oben aufzugeben und das statische Gefälle gegen dynamische Differenz einzutauschen. Vom provinziellen Unvermögen, den Knoblauchstinkern dieser Welt in die Augen zu schauen.

*Namen geändert

**Er hat sich per Mail gemeldet und versucht, von Addis aus zu klagen.

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